Barbara zwischen Afrika und Thurgau

kk

Wie meine Geschichte zwei Küchen verbindet


Von Mama Majuma zur Thurgauer Lumpensuppe

Barbara verbindet in ihrem Menü zwei prägende Lebenswelten: den Thurgau und Afrika. Die Lumpensuppe erzählt von der fast unsichtbaren bäuerlichen Küche ihrer Heimat, das Huhn in Kokosmilch von ihren Jahren in Tansania und Südkamerun.

Eine Frau mit gestreiftem T-Shirt hält ein Gefäss aus Glas mit zwei Topflappen in der Hand und blickt lächelnd in die Kamera.

Originalstimme (24 Sekunden)

Barbara erzählt…

Heute verbinde ich beide Teile meiner eigenen Geschichte in einem Menü. Als Vorspeise serviere ich die Thurgauer Lumpensuppe. Danach gibt es Huhn in Kokosmilch, wie ich es durch meine Jahre in Afrika kennengelernt habe.

Das eine Gericht führt zu meinen Thurgauer Wurzeln, das andere zu Mama Majuma und zu einer Welt von Lebensmitteln und Zubereitungsweisen, die mir damals völlig neu war.

Ein Abenteuer beginnt

Als ich 1978 nach Tansania kam, begann für mich ein Abenteuer. Ich begegnete Lebensmitteln, die ich nicht kannte, und hatte keine Ahnung, wie man sie zubereitet. Zum Glück hatte ich in Dar es Salaam eine ausgezeichnete Köchin: Mama Majuma.

Wir lebten etwas ausserhalb der Stadt, oben bei der Universität. Mama Majuma stammte aus Tabora im Landesinneren von Tansania. Sie wohnte mit ihrer Familie am Rand des Universitätsgeländes. Sie war etwa fünfzig Jahre alt. Ihren eigentlichen Namen kannte ich nicht. „Mama“ nennt man auf Suaheli eine Frau mit dem Namen ihres ersten Kindes, Majuma war ihre älteste Tochter.

Mama Majuma sprach kein Englisch, sondern Suaheli und vielleicht noch ihren eigenen Bantu-Dialekt. Ich konnte damals nur wenige Worte Suaheli. Trotzdem verständigten wir uns irgendwie. Vor allem konnte ich ihr beim Kochen zusehen. Sie kochte wunderbar, und bei ihr lernte ich, wie man mit den mir unbekannten Lebensmitteln umgeht.

Kochen mit Mama Majuma

Besonders beeindruckte mich die Kokosnuss. Getrocknete Kokosflocken kannte ich aus der Schweiz, etwa von Weihnachtsgebäck. Aber ich wusste nicht, wie eine frische Kokosnuss verarbeitet wird. Mama Majuma zeigte mir das besondere Gerät, mit dem das Fruchtfleisch aus der Schale geschabt wird. Es heisst Mbusi, also Geiss, weil man darauf sitzt wie auf einem kleinen Bock.

Auch Kochbananen waren mir völlig neu. Es gab davon unzählige Sorten, besonders später in Kamerun: grüne, rotschalige, kleine und dicke. Daneben wuchsen Süssbananen, Papayas, Ananas, Jackfrüchte und Kapstachelbeeren. Aus den Kapstachelbeeren versuchte ich Konfitüre zu machen, und sie gelang gut.

Vor unserem Haus stand sogar ein Cashew-Baum. Ich wusste nicht, wie man die Nüsse aus ihren Schalen löst. Mama Majuma nahm auch das ganz einfach in die Hand: Die Nüsse mussten über dem Feuer geröstet werden. Dabei trat Öl aus der Schale und entzündete sich. Nachdem man das Feuer gelöscht hatte, konnte die Schale aufgebrochen werden, und im Innern blieb die Nuss ganz.

Was die unmittelbare Umgebung hergab

Von 1978 bis 1984 lebte ich in Tansania und später in Südkamerun im Urwald. Dort begegnete ich wiederum anderen Nahrungsmitteln, die im tropischen Wald gediehen. Inzwischen hatte ich jedoch schon einiges gelernt, und der Umgang damit war nicht mehr so fremd.

Mich interessierte, wie eng die Ernährung mit der unmittelbaren Umgebung verbunden war. Fast alles, was gegessen wurde, bauten die Menschen selbst an. Natürlich gab es Läden und kleine Märkte, doch viele Familien hatten einen eigenen Garten. Dort wuchsen die Früchte und Gemüse, die sie täglich brauchten. Gehalten wurden vor allem Hühner und Ziegen, in höher gelegenen Gebieten auch Schafe. Häufig gab es spinatartiges Blattgemüse. Wenn wir eingeladen waren, assen wir immer sehr gut.

Auch Maniok war wichtig. Man konnte ihn fast das ganze Jahr über im Garten ernten. Die Knollen wurden geschält und gekocht oder zu Maniokmehl verarbeitet. Auch die Blätter waren essbar. Bananen liessen sich leicht vermehren: Man bekam ein kleines Stämmchen, pflanzte es in den Garten und konnte nach ungefähr neun Monaten ernten. Neben der grossen Pflanze wuchsen bereits die nächsten jungen Triebe heran.. Für mich war das ein Wunder.

Die Rückkehr in den Thurgau

Als ich in den Thurgau zurückkehrte, wo ich aufgewachsen bin und wo die Familie meines Vaters verwurzelt ist, begann ich mich zu fragen: Wie war es eigentlich früher bei uns, bevor die Einkaufszentren entstanden? Wo waren die Rezepte unserer ursprünglichen Küche?

Eine solche Küche war durchaus vorhanden. Sie war nur nicht besonders sichtbar und vielleicht weniger spektakulär als andere regionale Küchen. Die Frauen kochten mit dem, was in ihren Gärten und auf dem Feld angebaut und erzeugt wurde – im Grunde genauso wie die Menschen, die ich in den tropischen Ländern kennengelernt hatte. Es ging in erster Linie darum, die Familie zu ernähren, und nicht darum, ausgeklügelte Gerichte zu schaffen.

Ich tat mich mit zwei anderen Frauen zusammen, um die Geschichte der Ernährung im Thurgau zu erforschen. Zum Glück lebten damals noch Frauen aus bäuerlichen Verhältnissen, die alte Hausrezepte kannten. Diese Rezepte waren meistens nie aufgeschrieben worden. Man hatte sie innerhalb der Familie oder von einer Frau zur nächsten weitergegeben.

Das Wissen der Frauen

Eine besonders wichtige Rolle spielte Elisabeth Bommeli-Reutlinger. Sie stammte selbst aus einem bäuerlichen Umfeld und hatte eine entsprechende Ausbildung. Wenn eine Bäuerin krank war oder ein Kind bekam, übernahm Elisabeth für zwei oder drei Wochen deren Haushalt. Dadurch lernte sie viele Haushalte und ihre unterschiedlichen Rezepte kennen.

Sie kannte noch zahlreiche Frauen ihrer Generation, von denen manche bereits im Altersheim lebten. In den 1980er-Jahren war gerade noch der Moment, in dem dieses Wissen gesammelt werden konnte. Elisabeth arbeitete sorgfältig, formulierte gut und schrieb vieles auf. Sie sprach einen ausgeprägten Altnauer Dialekt, den sie bewusst pflegte. Ohne ihre Kenntnisse und ihre Verbindungen zu diesen Frauen wären viele alte Rezepte vermutlich verschwunden.

So entstand 1987 gemeinsam mit Elisabeth Bommeli und Rosmarie Brenner das Buch «Thurgauer Chost. Alte und neue Rezepte».

Die bäuerlichen Gärten waren für die Selbstversorgung von grosser Bedeutung. Sie waren häufig von einem hölzernen Gartenhag umgeben und der Stolz der Frauen. Man musste genau wissen, was zu welcher Zeit gesät wurde und wann es reifte. Angebaut wurden Kohl, Bohnen, Lauch, Rüebli und weitere Gemüse. Karotten lagerte man im Keller in Sand ein, Früchte und Gemüse wurden eingemacht, und natürlich gab es Sauerkraut. Brot wurde auf vielen Höfen noch selbst gebacken.

Die Bauernfamilien waren dadurch oft besser versorgt als Arbeiterfamilien, die keinen eigenen Garten hatten und ihre Lebensmittel kaufen mussten. Ich erinnere mich noch daran, dass es in den 1950er-Jahren während des Winters in den Läden fast kein frisches Gemüse gab.

Eine lange Geschichte der Ernährung

Die Geschichte der Ernährung hat mich immer interessiert. Sie reicht sehr weit zurück. Bereits die Menschen in den jungsteinzeitlichen Siedlungen am Bodensee verbanden Ackerbau und Tierhaltung mit Jagd und Fischfang. Sie bauten bereits Urgetreide an,Milchprodukte ergänzten später die Ernährung. Die Kartoffel kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts in den Thurgau, wurde dann aber zu einem wichtigen Grundnahrungsmittel. Vieles davon bildet bis heute die Grundlage unserer Küche, auch wenn die Lebensmittel inzwischen anders produziert und verarbeitet werden.

Die Lumpensuppe

Ein besonders schönes Beispiel für diese alte Thurgauer Alltagsküche ist die Lumpensuppe. Der Name führt zunächst in die Irre, denn eigentlich handelt es sich um einen Salat. Er besteht aus Rettich, Gurken und Käse. Warum sie Lumpensuppe heisst, weiss ich nicht genau. Vermutlich liegt es daran, dass die Gurken viel Wasser abgeben und der Salat dadurch beinahe wie eine kalte Suppe wird.

Gerade im Hochsommer war das sinnvoll. Wenn die Menschen heuen mussten, schwitzten sie stark. Mit der Lumpensuppe nahmen sie viel Flüssigkeit und Salz zu sich. Durch den Käse sättigte sie zudem ein wenig. Das Gericht ist sehr einfach, aber es entspricht genau dem, was die Menschen bei dieser Arbeit brauchten. Ich finde diese Idee genial.

Das Rezept stammt ebenfalls von Elisabeth Bommeli-Reutlinger. Bevor wir es in unserem Kochbuch aufnahmen, war es ausserhalb seines ursprünglichen Umfelds kaum
bekannt. Für mich zeigt die Lumpensuppe, wie erfinderisch eine Küche sein kann, die mit wenigen, regionalen Zutaten auskommt.

Mehr aus „Wo das Wissen kocht”

→ zurück zu Fotoprojekte