Edith kocht Suure Mocken
kk
Von einer Köchin in Paris und einer Küche als Spielplatz.
Ein Familienrezept, das in keinem Kochbuch steht.
Ediths Grossmutter war Köchin in Paris. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen – einen dünnen Schweizer, dem sie heimlich ein zusätzliches Stück Fleisch auf den Teller legte. Edith erzählt von ihrer Familie, vom Mitmachen in der Küche und vom Suure Mocken, dessen Rezept mündlich weitergegeben wurde.

Originalstimme (23 Sekunden)
Edith erzählt…
Meine Grossmutter, die Mutter meiner Mutter, wurde in der Nähe von Colmar geboren. Das gehörte damals, vor dem Ersten Weltkrieg, noch zu Deutschland. Sie ist etwa 1885 geboren, ging dort zur Schule, lernte Köchin und ging danach nach Paris. Dort arbeitete sie in einem Restaurant als Köchin, sie war Chefin.
Wie alt sie damals war, weiss ich nicht, aber sicher noch sehr jung. Vielleicht hatte sie einfach Lust, nach Frankreich zu gehen. In unserer Familie sind, glaube ich, alle sehr reisefreudig. Die Mutter meines Vaters ging nach Amerika, als mein Vater zwölf war. Es war eine Familie, die gerne in die Welt hinausging.
Mein Grossvater war Schuhmacher in Langenthal, im Kanton Bern. Er ging nach Paris, weil er lernen wollte, schöne, massgeschneiderte, elegante Schuhe zu machen. Nicht nach Schweizer Art und auch nicht italienisch. Scheinbar war dafür Paris das Richtige.
Dort lernten sie sich kennen, um 1900, 1905 herum, vielleicht auch schon vorher. Mein Grossvater war immer ein schlanker Mann, meine Grossmutter übrigens auch. Er ging in dem Restaurant essen, und meine Grossmutter fand immer: Diesem armen, dünnen Schweizer muss ich noch ein Stück Fleisch unter dem Gemüse oder den Kartoffeln verstecken, damit er ein bisschen zu Kräften kommt.
Er war natürlich begeistert, dass er so verwöhnt wurde. Und sie war eine sehr gute Köchin. So lernten sie sich kennen und scheinbar auch lieben. Sie gingen dann miteinander zurück nach Langenthal. Dort machte er eine Werkstatt auf. Er fertigte die Schuhe von Hand, hatte einen Angestellten, und meine Grossmutter arbeitete auch mit. Sie hatten sieben Kinder, zwei Mädchen und fünf Jungen. Der älteste Sohn übernahm später die Schuhmacherei.
Mein Grossvater hatte einen Hund, den Stoli. Den Namen weiss ich sogar noch. Er war als Welpe und als junger Hund beim Zirkus Knie gewesen und konnte ein paar Kunststücke. Er war schwarz-weiss, mittelgross, intelligent und lustig. Ich habe Hunde immer sehr geliebt.
Mein Grossvater ging nach der Arbeit gerne eines trinken. Ich weiss nicht, ob er das noch von Paris hatte oder ob es einfach immer so war. Gleich neben der Werkstatt war eine Beiz, wir sagten «spanische Beiz». Das war ein herziges Lokal. Später hat ein Cousin von mir das auch einmal übernommen. Er hatte etwas ganz anderes gelernt und wollte plötzlich gerne kochen.
Mein Grossvater war immer mit dem Hund dort. Der Hund hatte einen Wassernapf, bekam aber immer Bier. Mein Grossvater trank Bier oder Wein, das weiss ich nicht mehr. Dann kamen sie zusammen wackelnd nach Hause. Meine Grossmutter hatte natürlich keine Freude daran, das ist ja logisch.
Auch zum Mittagessen hatten sie immer Wein. Beide hatten ein Nachttischchen und darin je eine eigene Flasche, die sie auf den Mittagstisch stellten. Meine Grossmutter hatte ihre Flasche und mein Grossvater seine. Ich glaube, es war sogar die gleiche Sorte, aber sie hatten immer getrennte Flaschen. Und mein Grossvater musste immer ein bisschen Rotwein in die Suppe tun, einen Magdalener oder so etwas.
Meine Mutter konnte auch sehr, sehr gut kochen, mein Vater ebenfalls. Gekocht hat aber hauptsächlich meine Mutter. Mein Vater machte ein paar Sachen, zum Beispiel Fische. Er war ein guter Fischer. Wir hatten nicht so oft Fisch, aber hin und wieder.
Wir gingen auch sehr viel in den Wald bräteln. Mein Vater hatte mit Freunden immer wieder einen Weiher, eine Zeit lang auch im französischen Jura. Dort fischten wir im Herbst sogar Frösche heraus.
Als Kinder waren wir an den Wochenenden oft dort. Es war wunderschön. Ein Freund hatte ein kleines Ferienhaus, und da waren alle. Es hatte so viele Frösche, und wir fischten sie heraus. Zu Hause machten meine Eltern dann Froschbeine. Das war vielleicht eine Schlachterei!
Wenn wir über die Grenze fuhren, hatten wir die noch lebenden Frösche in Jutesäcken dabei. Meine Schwester und ich mussten dann immer ganz laut singen, damit der Zöllner nicht hörte, dass hinten Frösche waren.
Ich durfte schon als kleines Kind mit in die Küche. Ich hatte einen Schemel, ein Taburettchen, auf das ich steigen konnte, und durfte eigentlich alles machen.
Als ich etwa vier war, durfte ich einmal Erdbeeren zum Dessert machen. Leider habe ich Zucker und Salz verwechselt. Oh! Erdbeeren waren damals noch sehr teuer und eine Delikatesse. Aber das war eigentlich nie ein Problem. Mein Vater sagte: «Das machst du sicher nicht noch einmal.»
Meine Schwester war fünf Jahre älter als ich. Wir haben beide immer gerne gekocht und auch miteinander Karamellen gemacht. Für uns war die Küche wie ein Spielplatz. Man durfte sie immer benutzen.
Meine Eltern hatten beide ein eigenes Geschäft und waren sehr engagiert. Mein Vater hatte ein Baugeschäft mit Malern, Gipsern, Bodenlegern und Maurern. Meine Mutter hatte ein Lederwaren- und Sportgeschäft. Wir hatten alles, sogar Zelte vermieteten wir, und Ski hatten wir auch.
Mein Vater war Skilehrer und Tennislehrer. Mit Eishockey hatte er ebenfalls zu tun und sponserte einen Cup im Kanton Bern. Es war eine sportliche Familie. Vor allem mein Vater war extrem sportlich und machte viel Sport.
Ich hatte eine normale, aber glückliche Jugend mit sehr vielen Freiheiten. Das war in den Fünfzigerjahren. Zuerst wohnten wir gleich neben Langenthal, dann zogen wir nach Langenthal.
Wir zügelten immer wieder. Mein Vater baute ein neues Haus, dann wurde es verkauft, und er baute wieder eines. So hatten auch seine Arbeiter immer noch etwas zu tun. Er baute auch Blöcke mit Wohnungen. Ich glaube, in Frauenfeld habe ich zum ersten Mal länger als fünf Jahre an einem Ort gelebt.
Den Suure Mocken, den ich heute mache und von dem ich hoffe, dass man ihn essen kann, kenne ich von Kind an. Schon meine Grossmutter hat ihn gemacht, dann meine Mutter und ich auch. Es ist einfach ein Familienrezept.
Ich habe noch das uralte Kochbuch meiner Mutter. Ihre anderen Rezepte sind darin, aber von diesem steht nichts. Ich habe jetzt noch einmal gesucht und finde nichts. Das Rezept ist mündlich überliefert.








